Kolumne: Das Adressbuch meines Lebens

Vielleicht ist das die Lektion, die ich auf dem Weg hier her irgendwann verpasst habe.

Abschied nehmen. So tun, als hätte es Menschen, mit denen ich einst mein Leben teilte; die mir so viel bedeutet haben und ohne die ich mir ein Leben kaum vorstellen konnte, nie gegeben. Ihre Namen sollten verblassen. Genauso die Erinnerungen, die wir einst miteinander teilten. Unsere gemeinsame Geschichte – als hätte es sie einfach nie gegeben. Andere können das doch auch!

Da kommt vielleicht nach Jahren mal wieder ein “Hallo”. Den sozialen Netzwerken sei dank geht das ja heute alles völlig unverfänglich und unpersönlich. Man schreibt dann vielleicht noch ein paar Mal… und plötzlich ist da wieder Funkstille und man vergisst sich wieder. Oder besser gesagt: die Anderen vergessen mich. Ich vergesse nicht. Ich kann das nicht.

Die ehemals beste Freundin, die aus einem, nüchtern im Nachgang betrachtet, lapidaren Streit heraus sich nie mehr gemeldet hat. Ob sie heute noch manchmal an mich denkt? So wie ich an sie? Der Ex-Freund. Vielleicht eine der wenigen Personen, bei denen ich vielleicht sogar froh wäre, könnte ich ihn einfach so vergessen. Die ehemalige Lieblingslehrerin… einfach all die Menschen mit denen man ein Teil des Lebens einst teilte. Wo sind sie hin? Konnten sie einfach so vergessen? Aus dem Auge, aus dem Sinn?

Muss weiter (…) Muss es hinter mir lassen. Das Adressbuch meines Lebens.”* – Ist das wirklich so leicht? Hab nur ich das einfach nicht drauf? Ich erinnere mich an sie! Ich erinnere mich an meine damals beste Freundin. Ich erinnere mich an den einst wichtigsten Menschen in meinem Leben. Ich erinnere mich an ehemalige Partner. Ich erinnere mich an ehemalige Mitschüler, ehemalige Arbeitskollegen; an Ferienlager- und Urlaubsbekanntschaften. Ich erinnere mich an die Leute aus der Uni… ich kann sie nicht einfach so vergessen. Denn ja, manchmal vermiss ich sie sogar. Die einen mehr, die anderen weniger – natürlich, aber sie fehlen. Auch wenn ich mir manchmal noch so sehr wünschte, ich könnte sie einfach vergessen. Das Adressbuch meines Lebens ist voll von Namen. Von Personen mit denen ich irgendwann ein Teil meines Weges teilte. Von Personen, die ich wünschte, ich hätte sie nie verloren. Personen, die mir wahnsinnig fehlen; nach denen ich so manches Mal google oder die mich in so manchem Traum noch heute besuchen.

Ich frage mich, ob man das wirklich kann: einfach so vergessen?!
Die beste Freundin, den Partner, das eigene Kind… Kann man wirklich vergessen, dass es diese Menschen einmal gab? Kann man wirklich nicht mehr wissen, wie sie hießen? Wer sie waren? Was einen miteinander verband? Kann man sich wirklich nie fragen, was aus ihnen geworden ist? Wie es ihnen geht? Ob es ihnen gut geht? Ob sie einen nicht auch manchmal einfach nur vermissen? Kann man sich wirklich nie wünschen, man könnte vielleicht doch noch einmal zueinander finden? Ich fände es traurig, wenn das wirklich gehen würde. War man sich doch einst so nah…


   Könnt ihr das? Aus dem Auge, aus dem Sinn zu leben? Vermisst ihr nicht?   



*  Katy Karrenbauer aus dem Buch “Was geht bleibt.”




9 Kommentare bisher

  1. Katie 

      

    Super geschrieben :-) Ich find’s auch schade, dass man zu so vielen Menschen seiner Vergangenheit den Kontakt verliert – vergessen kann man sie nicht. Ab und zu wieder Kontakt, dann wieder Funkstillen usw. Durch FB und so ist es zwar theoretisch einfacher Kontakt zu halten, ebbt aber immer wieder ab irgendwie und den persönlichen Kontakt ersetzt es nicht – früher hat man wenigsten noch telefoniert, wenn man sich nicht gesehen hat. Als es noch keine modernen Medien gab, die vernetzten sollen, haben Freundschaften über die Distanz und die Zeit besser gehalten, finde ich. Warum geht das heute nicht? Manche Menschen würde man gern vergessen, aber manche vermisst man – und du gehörst auch zu letzteren :-)

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    :hug: :hug: :hug:

    Ja, da ist wirklich was dran, dass früher Freundschaften auf die Entfernung irgendwie besser gehalten haben. Und wenn man nicht telefoniert hat, dann hat man sich einen Brief geschrieben. Da hat der Empfänger, meiner Meinung nach, sich auch noch mehr drüber gefreut, als über eine einfache Nachricht heute bei z.B. Facebook. Wobei ich, wie schon oft gesagt, Facebook für die Möglichkeit in Kontakt zu bleiben (wenn auch scheinbar nur recht oberflächig) und vor allem um Leute überhaupt wiederzufinden echt liebe.

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    Ja, die Möglichkeit, die FB bietet ist super, auch die Möglichkeit zu chatten, was einem Gespräch ja schon näher kommt, aber wie du schon sagst, es ist recht oberflächlich und eine Nachricht über Facebook hat eben auch nicht das, was ein Brief hat. Dadurch, dass man sich heutzutage eher kurze Nachrichten über die Netzwerke schreibt oder im Status alles sieht, ist die Kommunikation auf einem ganz anderen Niveau als früher bei Briefen. Da hatte man sich irgendwie mehr zu erzählen – ich habe das Gefühl, das “Mehr” fehlt heutzutage in der Kommunikation.

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  2.   

    Da geht’s mir auch wie bei dir. Ich kann auch nicht vergessen…

    Ich glaube, es vergeht keine Woche, in der ich nicht zumindest mal an eine Freundin, an einen Freund, an einen Bekannten gedacht habe, obwohl wir schon seit vielen Jahren keinen Kontakt mehr haben. Es braucht mnur das richtige Stichwort in den Sinn zu kommen, um an jene Person zu denken. Ich frage mich auch, ob sie auch mal an mich denken. Aber wahrscheinlich habe ich für sie wirklich keine große Bedeutung gehabt wie sie für mich und dann komme ich mir echt doof vor, wenn ich das realisiere. :(

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  3.   

    Solche Momente habe ich auch. Manchmal entdecke ich diese Leute von früher dann auch mal bei FB und denke mir dann, dass es gut ist, keinen Kontakt mehr zu haben, weil ich zumindest von den sichtbaren Teilen der Profile den Eindruck erhalte, dass wir uns alle ziemlich auseinander gelebt haben und es heute schlichtweg nicht mehr passen würde. Ich habe auch schon mal ein paar von früher kontaktiert, entweder hält sich das dann oder eben nicht.
    Und dann hasse ich FB, wenn ich nach Jahren Funkstille mal wieder eine Anfrage von meinem Ex bekomme… Irgendwie will er mich immer in seiner Liste haben, aber nicht mit mir kommunizieren. Solche Aktionen finde ich dann einfach sinnlos…
    Wir haben uns alle irgendwie weiter entwickelt, in ganz unterschiedliche Richtungen. Also lasse ich lieber los und behalte die schönen Erinnerungen, anstatt krampfhaft an einem Kontakt festhalten zu wollen.

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  4. Mel 

      

    Ich muss sagen, ich kann das eigentlich ganz gut, das Vergessen. Wobei ich es eher als Verdrängen bezeichnen würde, um halt nicht immer wieder darunter zu leiden, dass es diese Person nicht mehr im Leben gibt, bzw. um nicht immer wieder daran erinnert zu werden, was einem diese Person vielleicht getan hat.
    Liegt wahrscheinlich auch daran, dass da so einige Personen im Laufe eines Lebens auftauchen, die man besser vergessen sollte, damit der innere Frieden und das heile Seelchen erhalten bleiben.

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  5.   

    [...] Dann lasst uns loslegen! Natürlich nur mit einem neuen, kleinen Wochenmotto. Passend zu meiner Sonntagskolumne [...]


  6.   

    Ich glaube, das ist der Lauf des Lebens. Es treten Leute in Dein Leben und sie gehen auch wieder. Ich kann mich auch an meine damaligen Wegbegleiter erinnern – an die einen gerne, an die anderen weniger gern.

    Ich bin über Facebook mit meinen damaligen besten Freundinnen aus der Schulzeit “befreundet”. Man nimmt zwar etwas an ihrem Leben dadurch teil, aber im Laufe der Jahre, die wir uns aus den Augen verloren haben, hat man sich auseinandergelebt. Es sind nicht mehr die Freunde von damals. Man denkt zwar gerne an die gute alte Zeit zurück, aber mit einem gewissen Abstand.

    Ich habe 2 sehr enge Freundinnen. Mit der einen bin ich dieses Jahr im April 23 Jahre befreundet. Sie war damals mit meinem besten Freund zusammen und dadurch haben wir uns täglich gesehen. Auch als die Beziehung beendet war, hielten wir den Kontakt. Wir haben uns zwar ganz selten nur noch gesehen, aber bis vor 2 Jahren haben wir sogar noch Briefe per Hand geschrieben! Durch WhatsApp ist das jetzt alles noch einfacher und schneller geworden und obwohl wir uns immer noch selten sehen, wissen wir alles voneinander! :heart:

    Die andere Freundin habe ich 2001 auf Arbeit kennengelernt. Ich konnte sie anfangs nicht ausstehen – tja und daraus werden bekanntlich enge Freundschaften ;) Auch wir sehen uns selten. Ist halt das Schicksal, wenn man nicht mehr in der selben Stadt wohnt. Aber wir wissen, dass wir aufeinander zählen können!

    Und was alte Liebschaften betrifft: auf die kann ich wirklich verzichten! Ich verbinde eigentlich nur noch die schlechten Zeiten mit meinem Ex. Und der Idiot hatte es doch wirklich nach 5 Jahren drauf, mich zum Valentinstag anzurufen und sich zu entschuldigen, dass er damals Mist gebaut hat – wtf?!! Ich habe nur gesagt, dass das GsD ein Ende hat und er mich aus seinem Gedächtnis ebenso streichen soll, wie ich ihn. Naja, 2 Jahre hat’s wohl gewirkt und dann hat er es nochmal per Facebook probiert – ein Hoch auf die Blockier-Funktion! :dance:

    Worauf ich nun eigentlich -nach dem Roman- hinaus will: vergessen ist nicht so einfach, aber wenn man sich auseinander gelebt hat, macht es auch keinen Sinn mehr. Denke an die schönen Zeiten zurück, sie sind immer ein Teil Deines Lebens, aber trauere keiner Freundschaft hinterher!

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  7.   

    Wie gut du das geschrieben hast! Mir geht es sehr ähnlich wie dir. Ihc kann auch nicht gut vergessen. Manchmal ertappe ich mich auch dabei,wie ich an Personen von früher denke. Aber auf der anderen Seite denke ich auch immer wieder. Es muss ja einen Grund geben,dass sie es nicht bis hier hin geschafft haben. Menschen verändern sich und mit jeder Veränderung kommt immer wieder ein neuer Lebensabschnitt. Mit neuen Menschen und das ist auch gut so finde ich. :-)
    Liebe Grüsse Alizeti

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